Wolf

Salzburger Sommertheater: Der Wolf in Großarl

Ein Kommentar von Kurt Kotrschal, erschienen am 30.7.2019 in „DiePresse„:
https://diepresse.com/home/meinung/wisskommentar/5666843/Salzburger-Sommertheater_Der-Wolf-in-Grossarl

Bereits lange vor dem Wolf ging die Almwirtschaft auch in Österreich stetig zurück, weil ihr eine unfähige Landwirtschaftspolitik den ökonomischen Boden entzog. Chuzpe, nun den Wolf dafür verantwortlich zu machen.

Zwei Dutzend tote Schafe und eine Handvoll verzweifelter Almbauern hinterließ ein durchziehender Wolf Mitte Juli auf einer Alm in Großarl. Die Tiere und ihre Halter verdienen unser Mitgefühl, aber der Vorfall war zu erwarten. Etwas zynisch könnte man es als Salzburger Sommertheater sehen: Gregor Bloeb gibt den Teufel auf dem Domplatz, der Wolf auf der Alm.

Bereits im April 2018 riss ein Wolf im Salzburgischen 20 Schafe. Auch damals war das Entsetzen groß, obwohl solche Vorfälle aufgrund der Wolfssituation in Österreich schon lange erwartbar waren. Aber anstatt die Weidetierhalter vorzubereiten, sie von bloßen Opferlämmern zu Mitgestaltern dieser neuen Situation zu machen, anstatt sie rechtzeitig bei der Hand zu nehmen und ihnen unter Anzapfen der reichen EU-Töpfe Alternativen aufzuzeigen, wartet man einfach zu, bis wieder etwas passiert. Und dann faseln Wolfsbeauftragte, Politik und Landwirtschaftsvertreter immer noch von „wolfsfreien Zonen“, obwohl längst klar ist, dass diese weder rechtlich noch praktisch möglich sind. Statt die Sache kreativ gemeinsam mit den Betroffen anzugehen, setzt man auf Abschuss, obwohl die Voraussetzungen dafür zweifelhaft sind. Der Wolf wird sich dem Exekutionskommando kaum stellen.

Immer noch lässt man die Bauern im Regen stehen, indem man sie darin bestärkt, dass Herdenschutz ohnehin nicht möglich ist. In ein paar Tagen, Wochen und Monate kommt mit Sicherheit der nächste Wolf und das Theater geht wieder von vorne los. Man muss nicht paranoid sein, um dahinter Strategie zu vermuten. Bereits lange vor dem Wolf ging die Almwirtschaft auch in Österreich stetig zurück, weil ihr eine unfähige nationale und EU Landwirtschaftspolitik den ökonomischen Boden entzog.

Reine Chuzpe, nun den Wolf dafür verantwortlich zu machen. Natürlich wird der Wolf in vielen Fällen zum Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, aber die Ursache des Almensterbens ist er nicht. Die stillen Helden dieses Dramas sind die kleinen Almbauern, die oft im Nebenerwerb ein paar Dutzend Tiere auftreiben, weil sie die Almwirtschaft als sinnvolle Tradition und Lebensstil schätzen, obwohl sie davon nicht leben können. Verständlich, dass sie – alleingelassen – mit der Situation überfordert sind. Dabei leisten sie durch Offenhalten der Landschaft wertvolle Dienste für die Wanderwirtschaft und sie praktizieren tiergerechte Haltung. Allerdings sollte man nicht allen Vorurteilen zur Almwirtschaft auf den Leim gehen. Eines davon lautet, dass Almen Horte der Biodiversität sind.

Kann sein, muss aber nicht. Auch auf Almen wird intensiviert, der Vertritt zu vieler auf leicht erreichbare Almen aufgetriebener Tiere tut dem Artenreichtum nicht gut; die weniger erreichbaren Flächen verbuschen. Und immer häufiger wird durch das sinnlose und unökologische Ausbringen von Gülle der Lebensraum Alm vernichtet und so nebenbei auch noch Feinstaub in Mengen produziert. Bereits vor Jahrzehnten fiel die Biodiversität auf den Talwiesen der Überdüngung zum Opfer, jetzt sind die Almen dran. Das braucht niemand. Man muss Almflächen auch nicht mit aller Gewalt offen halten. Ökonomie und Ökologie sind ständig im Wandel.

Wenn man naturnahen Wald zurückkehren lässt ist das ökologisch akzeptabel und sogar klimarelevant, binden doch Bäume sehr viel CO2. Der Wolf mag katalysieren, aber der Strukturwandel in den Alpen ist menschengemacht.

Wolf

„Er ist wieder da“ – und mit ihm ein Österreich-Zentrum für Bär und Co. – ein Kommentar von Kurt Kotrschal aus „DiePresse“ am 19.02.2019

Das neue Zentrum ist unterfinanziert und vertritt die
Minderheiteninteressen von Jagd und Landwirtschaft, nicht aber des Artenschutzes. Konflikte sind damit vorprogrammiert.

Die gute Nachricht: Auf Betreiben von Ministerin Elisabeth Köstinger und
der zuständigen Länder wird es ein „Österreichzentrum Bär, Wolf und
Luchs“ im Raum Gumpenstein in der Steiermark geben. Das ist ein auch vom
WWF vorsichtig begrüßter Fortschritt, da Wolf & Co bislang Ländersache
waren, obwohl sie mit Grenzen nicht viel anfangen können. Die schlechte
Nachricht für eine Mehrheit von artenschutzbewegten Österreichern –
nicht nur in den Städten – ist aber, dass im Zentrum die Nutzer den Ton
angeben werden, also Landwirtschaft und Jagd. Die NGOs, wie WWF oder
Naturschutzbund dürfen – wenn sie Glück haben – das Zentrum beraten,
bleiben aber von den Entscheidungen ausgeschlossen.

Allein die bescheidenen Mittel lassen an der Ernsthaftigkeit des
Vorhabens zweifeln: 120.000 Euro werden für die Geschäftsstelle
veranschlagt, 100.000 für die Begutachtung von Schadensfällen und
DNA-Analysen und weitere 100.000 Euro sollen in Pilotprojekte, wie
Herdenschutz fließen. Um ein konfliktarmes Zusammenleben mit Wolf & Co
zu erreichen, brauch man aber neben dem Herdenschutz vor allem gutes und
daher relativ aufwändiges Monitoring und Freilandforschung. Dafür gibt
es aber kein Budget. Wie will man ohne Wissensbasis managen? Für die
Förderung des Herdenschutzes steht übrigens seit ein paar Wochen ein gut
gefüllter Topf aus dem EU Landwirtschaftsbudget zur Verfügung. Es wäre
fahrlässig, sich diese Mittel im Gegensatz zu anderen Ländern nicht
abzuholen, etwa weil man – wie zu hören ist – keine Freude damit hat,
sich von außen über die Schulter schauen zu lassen.

Die Jagdorientierung des Zentrums zeigt sich auch daran, dass dort der
„Wolfsbeauftragte“ des Landes Salzburg, Mag. Dr. Hubert Stock den Ton
angibt. Bezeichnenderweise berichtete er über die Einrichtung des
Zentrums zuerst in „Österreichs Weidwerk“ (Feb. 2019). Besonders
erstaunlich ist das Editorial des Herrn Stock, in dem zu lesen ist: „Er
ist wieder da – Zum Glück jedoch nicht Adolf Hitler wie im gleichnamigen
Roman von Tibor Vermes, für viele aber nicht weniger schreckenerregend
–, der Wolf!“ Ein Vergleich von Wölfen mit Hitler! – geht es noch
irrationaler? Herr Stock hat natürlich jedes Recht, der Öffentlichkeit
zu zeigen, wes Geistes Kind er ist, aber qualifiziert ihn das als Leiter
des Zentrums? Zu Recht beschwerte sich deswegen der Naturschutzbund über
den Verlust der Verhältnismäßigkeit im Umgang mit dem Wolf.

Zudem vertritt Stock ziemlich irrationale Abschussszenarien, phantasiert
im Widerspruch zur Gesetzeslage von der „jagdlichen Bewirtschaftung des
Wolfes“, scheint aber nicht allzu viel von Herdenschutz zu halten. Das
ist die verkehrte Logik, will man die Situation befrieden. Immer noch
scheint man davon auszugehen, dass man „das Problem“ mit Abschuss lösen
kann. Man sollte aber auf Herdenschutz setzen, will man nicht immer
wieder böse Überraschungen erleben, etwa durch durchziehende Wölfe. Die
können jederzeit und überall auftauchen, ist doch mittlerweile ganz
Europa Wolfszone.

Das neue Österreichzentrum zu Bär, Wolf und Luchs ist offenbar gut
gemeint, aber zu gering finanziert und es vertritt die
Minderheiteninteressen von Jagd und Landwirtschaft, nicht aber des
Artenschutzes. Konflikte sind damit vorprogrammiert, mit den
Weidetierhaltern selber, die man immer noch im Regen stehen lässt, mit
den NGOs und mit einer aufmerksamen Öffentlichkeit.

Wolf

Fakten zum Herdenschutz in Österreich und im Alpenraum

PDF zum Download hier

Autor: Kurt Kotrschal

(Stand Nov 2018)

Wolfsverhalten und die Notwendigkeit von Herdenschutz

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Kurt Kotrschal mit Herdenschutzhund

Ob wir auch in Österreich wieder nachhaltig mit Wölfen zusammenleben können, wird die Qualität des Herdenschutzes entscheiden. Viele Beispiele zeigen, dass dieser angepasst an jede Geländeform möglich ist. Der Wolf ist sicherlich nicht der „Totengräber“ der Weidewirtschaft“, wohl aber eine zusätzliche Erschwernis.
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„Wolfsfreie Zonen“, etwa in Analogie zu „rotwildfreien Zonen“, lösen das Problem der Nutztierverluste nicht, da Wölfe sehr bewegliche Tiere sind und schwieriger zu bejagen als Rotwild. Es würde in solchen Zonen immer wieder zu Verlusten an ungeschützten Weidetieren durch durchziehende Wölfe kommen. Zudem lernen durchziehende Jungwölfe (Disperser) dadurch von Nutztieren zu leben und werden somit zu „Problemwölfen“ gemacht. Wenn „wolfsfreie Zone“ bedeutet, dass man dort die Ansiedlung von territorialen Rudeln verhindern will, wäre das im Sinne von Schadensvermeidung kontraproduktiv.

Verhaltensbiologischen Erkenntnisse zeigen, dass

  1. etablierte Rudel sehr effizient „dichteabhängige Regulation“ praktizieren. Damit steigen lokale Wolfsdichten nicht an, weil sie Nachbarrudel auf Distanz halten und durchziehende Wölfe vertreiben oder töten.
  2. effizienter Herdenschutz von Beginn der Wolfseinwanderung an praktiziert werden muss, weil Wölfe damit angehalten sind, sich auf Wildtiere als Beute zu spezialisieren; sie geben diese Traditionen im Rudel an ihre Nachkommen weiter und sorgen so für eine lokale „Befriedung“. Bejagung von Wölfen kann diese Regulationsmechanismen stören. Untersuchungen zeigen, dass mit der Bejagung von Wölfen Nutztierschäden steigen können.

Weiterlesen „Fakten zum Herdenschutz in Österreich und im Alpenraum“

Wolf

Positionspapier Wolf

PDF zum Download hier

Fakten zum Wolf: Die aktuelle Lage in Österreich

Autor: Kurt Kotrschal

(Stand: Dez. 2018)

In Kürze:

  •  In Österreich gibt es zur Zeit drei Wolfsrudel, seit 2016 eines im Truppenübungsplatz Allentsteig. Seit 2018 zwei weitere im Grenzgebiet zu Tschechien, teils mit Schwerpunkt seiner Aktivität auf tschechischem Gebiet; in Östereich leben daher derzeit samt Durchzüglern etwa 25 Wölfe.
  • Wölfe wurden nirgends in Europa ausgesetzt, auch nicht in Österreich; sie breiten sich selbständig und rasch aus, weil sie eine gute Nahrungsbasis vorfinden und weil die Vermehrungsrate hoch ist. Wölfe breiten sich generell rasch in die Fläche aus.
  •  Wölfe sind in Europa umfassend geschützt, durch die Berner Konvention und die Fauna-Flora-Habitat (FFH) Richtlinie der EU; in Österreich sind sie als jagdbares Wild in den Jagdgesetzen geregelt, aber ganzjährig geschont. Seit 2012 gibt es übrigens einen breit akkordierten Wolfsmanagementplan (Rauer et al. 2012). „Problemwölfe“ treten äußerst selten auf, wie die Erfahrungen aus Deutschland zeigen.
  • Zwei repräsentative Umfragen (Im Auftrag Kurier und WWF) vom Herbst 2017 belegen, dass etwa 70% der Österreich die Wiederkehr der Wölfe begrüßen, nicht nur die Leute in den Städten, sondern auch am Land. Wölfe sind heute für Menschen so gut wie ungefährlich. Jegliche Panikmache ist daher ungerechtfertigt.
  • Wölfe zeigen eine rasche Flächenausbreitung. Einmal etabliert, steigen aber ihre Dichten nicht, weil sie sich effizient selber regulieren (dichteabhängige Regulation durch starke, von etablierten Rudeln ausgehende Interaktionskonkurrenz).  Eine routinemäßige Bejagung ist daher eher kontraproduktiv und kann den Druck auf Weidetiere sogar erhöhen´. „Wolfsfreie Zonen sind weder gesetzlich möglich, noch biologisch sinnvoll.
  • Herdenschutz ist in den meisten Lagen gut mit vertretbarem Aufwand möglich/nötig. Er verhindert weitgehend den Verluste von Weidetieren durch Wolf und kann dazu beitragen, Verluste durch andere Ursachen (Krankheit, etc.) zu vermindern. Herdenschutz ist DER Schlüssel, um die Konflikte mit und um den Wolf zu minimieren. Er ist auch aus ‚Tierschutzgründen erforderlich. Nach einer neuen EU-Richtlinie (Nov. 2018) sind Weidetierverluste durch Wolf zu 100% abzugelten. Weiterlesen „Positionspapier Wolf“