Naturschutz

Positionspapier zu Naturschutzzielen

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Welche Natur wollen wir schützen – und warum?

Autor: Wolfgang Scherzinger

(Stand: April 2019)

In Kürze:

Naturschutz ist eine kulturelle Leistung, die sich am gesellschaftlichen Wertesystem orientiert. Dieses unterliegt einem steten Wandel, wobei in den Anfangsjahren des Naturschutzes das Kriterium der Ästhetik einer reich gegliederten Kulturlandschaft im Vordergrund stand, während Kriterien wie Ursprünglichkeit, Naturnähe oder Wildnis erst in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewannen. Die noch junge Besinnung auf das örtliche Naturerbe stimulierte zur Gründung großer, nutzungsfreier Schutzgebiete. Die künftige Aufgabenstellung wird sich aber nicht allein auf ein Bewahren des Kultur- und Naturerbes beschränken können (als Vergangenheitsorientiertes Bewahren von Natur), vielmehr vor die große Herausforderung gestellt sein, völlig neue Konzepte zur naturschonenden und nachhaltigen Landnutzung zu entwickeln, die auch die Qualität des Lebensraumes für Mensch und Mitwelt berücksichtigt (als Zukunftsorientiertes Entwickeln von Natur). Wenn auch anthropozentrisch-utilitaristische Argumente für den Schutz von Natur deutlich dominieren, so wird das Engagement doch vorwiegend von rein emotionalen Motiven angetrieben. Die Naturschutz-Praxis ist daher durch die Dichotomie, was müssen und was wollen wir schützen? gekennzeichnet.

Schlüsselworte: Naturschutz-Kriterien, Ästhetik, Naturnähe, Vielfalt, Identität, Nachhaltigkeit, Dynamik-Konzept, Eigenwert von Natur

Englische Zusammenfassung:
Which type of nature do we want to preserve – and why?

Protection of nature is a cultural accomplishment, oriented to the system of values in the society. But this underlies a permanent change, and the criterion of aesthetics in a divers man made landscape was dominant in the years of establishment, whereas the importance of the criteria of originality, naturalness or wilderness increased during the last years only. Although quite young the reflexion about the natural heritage stimulated the foundation of extensive reserves, free of usage. As the duty can not be limited to conservation of cultural and natural heritage (oriented to historical past tense), in future a rather great challenge will appear, to develop absolute new concepts of land use, caring for nature and sustainability, with regard to quality of habitats for humans and their biotic environment (oriented to future development). In contrast to the dominance of anthropocentric-utilitarian arguments, the engagement for conservation of nature clearly gets pushed by emotional motivations. That’s why the praxis of conservation is characterised by a dichotomy, what we “must” and what we “want” to preserve?

Keywords: criteria for protection, aesthetics, naturalness, diversity, identity, sustainability, concept of natural dynamics, natural value

Etwas ausführlicher:

Naturschutz zwischen Kultur- und Naturerbe

Natur ist Optimismus, denn alle Organismen leben in naiver Zuversicht.

Natur ist allgegenwärtig, von der Wildnis am Strom bis zum Moos in der Dachrinne, denn Natur trennt nicht zwischen natürlich und anthropogen, sondern nutzt alle Systeme gleichermaßen für die Entfaltung von Leben.

Natur ist gegenwartsbezogen, und baut auf die Erfahrung einer Jahrmillionen zurückreichenden Evolution.

Natur kennt keine Ziele und weiß nicht, was sie tut. Ihre ungezähmte Dynamik ist von göttlicher wie teuflischer Ambivalenz, und gebiert Entwicklung sowie Zerstörung mit derselben rigorosen Gleichgültigkeit. Gleichzeitig ist sie dank überreicher Artenvielfalt so flexibel, dass sie ihre Systeme jeder Veränderung kurzfristig anpassen kann.

Wenn Naturschutz den Auftrag Natur zu schützen ernst nimmt, muss er genau diesen Kriterien entsprechen:

  • Ungebrochener Optimismus, selbst wenn eine Wachstumspolitik und der Trend zur Uniformität dagegen sprechen;

  • hohe Bewertung der historischen Dimension aller Entwicklungen, denn diese schwingt in allen Arten und ihren Anpassungen fort;

  • Effektivität auf ganzer Fläche (kein Rückzug ins Reservat), Entwicklung einer Vielfalt von Konzepten, um die Vielfalt an Aufgaben bewältigen zu können; und letztlich

  • zielkonforme Ausnutzung autogener Prozesse zur Erstarkung von „Wildnis“ auf der einen Seite und des breiten Opportunismus vieler Arten, der ihnen auf der anderen Seite die Besiedlung von Nutzlandschaft und Stadt erlaubt.

In dieser Auflistung stellt Naturschutz die Natur ins Zentrum seiner Konzeption, in ihrer ganzen Vielfalt an Lebensäußerungen, Phänomenen und Wechselwirkungen, auf lokaler, regionaler, überregionaler und globaler Ebene. Das ist nur scheinbar selbstverständlich, denn historisch leitet sich Naturschutz vom Heimat- und Landschaftsschutz ab, für die die anthropogene Nutz- und Siedlungslandschaft, mit ihrer kleinräumigen Mosaikverteilung von Feld, Wald und Wiese, mit ihren liebenswerten Dorfbäumen, Mühlweihern und Obstgärten im Mittelpunkt stand (Haber 2001, Küster 2001, Falter 2001, 2004). Naturschutz in seiner traditionellen Form ist Kulturschutz, für den Relikte aus der ursprünglichen Naturlandschaft (wie Moore, Wildflüsse, Urwälder und intakte Gebirgszüge) eher zweitrangig erschienen. Der Schutz von „Wildnis“ hat jedenfalls keine Tradition im deutschen Sprachraum (z.B. Körner et al. 2003).

So elementar uns heute das Anliegen des Natur- und Umweltschutzes erscheint, reichen seine Wurzeln gar nicht so weit zurück. So wie es für den neolithischen Viehzüchter und Ackerbauern primär galt, Natur zu nutzen, ihre Launen einzudämmen und die Ernte zu maximieren, blieb diese Strategie im Grundsatz noch wenigstens bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Vordergrund (Haber 2001). Es sind im Wesentlichen Bürgertum und Stadtbevölkerung, die das zunehmende Tempo der Landschaftsveränderung beunruhigt, mit einem ersten Höhepunkt durch die Industrialisierung (die bereits Probleme wie Luftverschmutzung und „sauren Regen“, Erschließungsdruck, industrielle Lebensmittelproduktion und Düngereinsatz kennt) und einer noch markanteren Beschleunigung im Spiegel des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit (mit Flurbereinigung, großflächigen Monokulturen in Land- und Forstwirtschaft, Biozideinsatz, Eutrophierung und Straßenbau bis in die hintersten Winkel). In der zweiten Hälfte des 20. Jhdt verschlingt der Wachstumsrausch Restflächen alter Kultur- und Naturlandschaft, Bach und Strom werden zur Energiegewinnung gezwungen, und der Abfall zu Bergen getürmt.

Hat der traditionelle Naturschutz Industrieanlagen und Staumauern noch akzeptiert, so lange sie nur „landschaftsgebunden“ mit Natursteinen kaschiert werden, und auch die „Trockenlegung der Sümpfe“ als Gesellschafts-relevanten Fortschritt mitgetragen, so mussten der Euphorie des „Wirtschaftswunders“ an Stelle eher subjektiver Naturschutz-Argumente wissenschaftlich gestützte Fakten entgegen gesetzt werden, um der Rasanz des landschaftlichen Umbruchs Herr zu werden. Schlussendlich holte die Ökologiebewegung zum Ende des 20. Jahrhunderts den Naturschutz aus der Ecke romantisierender Liebhaberei und machte ihn durch die Forderung nach Sicherung bzw. Wiederherstellung humaner Lebensgrundlagen zum Menschenschutz (Falter 2004). Dabei spezialisiert sich der Umweltschutz auf die Überwachung der abiotischen Faktoren in Luft, Wasser und Boden und der Gesundheit von Lebensmitteln, während der Naturschutz die Lebensqualität durch Schönheit der Natur, Vielfalt und heimatliche Identität zu entwickeln sucht. Unter dem Eindruck z. T. unwiederbringlicher Verluste an Arten und Relikten in der Kultur- und Naturlandschaft gilt der Appell „retten, was zu retten ist“. Mit Flächenankauf und Sperrgrundstücken, mit Pflegeprogrammen und freiwilligen Arbeitseinsätzen soll die Erosion an Diversität und Naturnähe verzögert werden. Naturschutz emanzipiert sich aus der Amateurliga, gewinnt an Bedeutung in der Pädagogik (als so genannte Umwelterziehung) und kann sich sogar als Studien- und Forschungsfach an den Hochschulen etablieren.

Doch der gesellschaftliche Stellenwert von Natur- und Umweltschutz begründet sich nach wie vor auf einem strikten Anthropozentrismus, dessen Argumentation die harte Konkurrenz zu den Flächenansprüchen von Straßenbau, Energiekonzernen und Industrie widerspiegelt: Nutzer wie Schützer denken in Kosten-Nutzen-Bilanzen, rechnen in volkswirtschaftlichen Kategorien, vergleichen die ökonomische Bedeutung von Kultur und Natur. In seiner Dominanz reißt der Utilitarismus auch die Schädlings-Nützlings-Debatte wieder an, weitet sie jedoch von den Arten auf ökologische Funktionen aus. Vereinigungen wie Greenpeace und „grüne“ politische Parteien gewinnen an Zustimmung, doch verdeckt die zunehmend auf den Menschen konzentrierte Diskussion die wahren Motive für das Naturschutz-Engagement der Mehrheit, so dass die Argumentation nach außen kaum noch deckungsgleich ist mit den Interessen nach innen (Haber 2001, Spanier 2001, Bierhals 2005). Denn nach wie vor sind es die staunende Begeisterung für die Vielfalt an Formen, Farben, Lebensweisen und Anpassungen, die emotional tief empfundene Freude an den Naturschönheiten und die Ehrfurcht vor der Komplexität evolutiv präzisierter Mutualismen,1 die uns zum Schutz der Natur motivieren – ganz unabhängig von ihrem Nutzen.

Aufgeschreckt durch quälerische Massentierhaltung, Wilderei von Nashörnern und Elefanten für den illegalen Handel von Nashorn und Elfenbein oder die schockierenden Berichte vom Ende der Natur selbst in entlegenen Teilen der Erde (z.B. McKibben 1990), gewann die Diskussion um Ethik und Verantwortung des Menschen gegenüber der Schöpfung eine gänzlich neue Dimension. Bestärkt wurde diese kritische Neubewertung des eigenen Naturerbes durch die tiefen Eindrücke aus den Fernreisen zu den großen Nationalparken in Amerika, Afrika und Asien, und nicht zuletzt durch die faszinierend hohe Bildqualität von Reportagen aus den letzten „Paradiesen“ in den Medien. So kam es im letzten Viertel des 20. Jahrhundert zu einem nahezu schlagartigen Paradigmenwechsel im deutschen Naturschutz: Müssen in unserer Verantwortung – bei aller Bedeutung des Erhaltes der humanen Lebensgrundlagen und der Schönheit der Kulturlandschaft – die primäre Naturausstattung unseres Heimatlandes bzw. die Zeugnisse noch intakter Naturlandschaft nicht mindestens so hoch bewertet werden wie die vom Menschen geformten Lebensräume? Mehr noch: Widerspricht die Stabilisierung von „Biotopen“ durch fortwährende Pflege und Gestaltung nicht bereits im Grundsatz dem Wesen einer dynamischen Natur? Beruht traditioneller Naturschutz nicht sogar auf einem permanenten „Kampf gegen die Natur“ (Scherzinger 1996, 2002)?

Dynamische Entwicklung statt statischer Konservierung

Die neue Zielrichtung heißt Mut zur Wildnis und stellt in krasser Provokation die tradierten Werte in der Gesellschaft in Frage: Ist die Schönheit eines ordentlichen Fichtenforstes höher zu bewerten als die Ästhetik im wirr gebrochenen Sturmwurf? Ist der hochwassersicher abgedämmte Flusslauf ein höheres Kulturgut als der ungebändigte Strom in mäandrierender Dynamik? Ist das Beobachten eines sich autogen entwickelnden Wildwuchses nicht wesentlich faszinierender als das Eingreifen nach Entwicklungsplan? Müssen uns die autochthonen Vorkommen vom Auerhahn im Bergwald, vom Schwarzstorch am Auengewässer, von der Kreuzotter im Hochmoor und dem Mauerläufer in der Felswand nicht um vieles wertvoller erscheinen, als die Buntheit der Kulturfolger in den pflegebedürftigen Sekundärbiotopen? Wäre es nicht sogar wünschenswert, so viel an Natur wie möglich zurückzuholen, durch Renaturierung hemerob2 gestörter Lebensgemeinschaften (z.B. Rückbau von Flussregulierungen), durch Wiederansiedlung anthropogen verdrängter Tierarten (z.B. Bartgeier) und durch die Befreiung möglichst großer Landschaftsräume von menschlichen Nutzungen, zur „Rückentwicklung“ einer „Wildnis von morgen“ (vgl. Fanta 1992, Broggi 1995, Trommer 1999, Zucchi 2002)?

Als gewaltiger Stimulans hat diese Neuorientierung im Naturschutz nicht nur zur Neubewertung von Brachland und spontaner Besiedlung durch Ruderalvegetation geführt, vielmehr hat sie innerhalb weniger Jahrzehnte zur Ausweisung von nutzungsfreien Naturwaldreservaten, vor allem einer beeindruckend großen Anzahl von Nationalparken und Biosphärenreservaten verholfen – mitten im dicht besiedelten und durch mehr-tausendjährige Nutzung geformten Europa.

Das traditionelle Statik-Konzept, mit gestalterischem Eingreifen zur Festigung besonders wünschenswerter Zustände wurde zum naturgemässeren Dynamik-Konzept erweitert: Sukzessionen in Boden, Pflanzen- und Tierwelt werden nicht nur als Ausdruck spontaner Entwicklung akzeptiert, vielmehr wird im Zulassen solcher Prozesse die Chance zur Entfaltung wichtiger Sonderstandorte, Kleinstrukturen bzw. Kurzzeithabitate gesehen (Scherzinger 1990, 2002). Das hatte in den letzten Jahren wiederum eine breite Rückwirkung auf die Naturschutzarbeit, in Forschung und Fachdiskussion rückte die Frage nach den Steuerkriterien naturgegebener Dynamik und den Auswirkungen von „Störungen“ auf Populationen und Lebensgemeinschaften in den Vordergrund. Sukzessionale Entwicklungs-Phasen, von Pionierstadien bis zu anbrüchigen Uraltbäumen und Totholz, von Fluktuation und Migration und letztlich von Naturkatastrophen als Lebensraum bestimmende Faktoren wurden völlig neu bewertet.

Vorraussetzung dazu war die Abkehr von dem idealisierten Klimax-Modell aus der frühen Ökosystemlehre, der zufolge sich Lebensgemeinschaften aus zielgerichteter Kooperation von Einzelorganismen entwickeln, funktionell vergleichbar den Organen eines Organismus. Aus dem teleologisch festgelegten Entwicklungsziel ließ sich eine Garantie zur Maximierung von Gleichgewicht und Stabilität in naturbelassenen Systemen erwarten. In den letzten Jahren wirkte sich die Öffnung des Blickfeldes auf die enorme Gestaltungskraft einer realiter stets dynamischen Natur einschneidend auf Ziele und Wege des Naturschutzes aus. Denn das wesentlich plastischere Modell einer ökosystemaren Selbstorganisation, die zu individuell entfalteten Lebensgemeinschaften führt – je nach den aktuellen Rahmenbedingungen vor Ort – öffnet dem Naturmanagement gänzlich neue Möglichkeiten: In völliger Umkehr des Stabilisierung-Ideals wird jetzt „Prozess-Schutz“ attraktiv, die bisher bekämpfte „Störung“ in der Vegetation durch Großherbivore3 wird als wichtiger Gestaltungsfaktor erkannt; Hochwasser, Waldbrand und Sturmwurf werden als essentielle Ereignisse zur Schaffung produktiver Pionierstandorte eingestuft (Jedicke 1995, Scherzinger 1996). Selbstverständlich stellen sich unter diesen Gesichtspunkten auch die Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf Landschaft und Lebensgemeinschaften, letztlich auf die Rahmenbedingungen für die evolutive Entwicklung der Arten in völlig neuem Licht dar. Denn zum einen wächst die Erkenntnis, dass ein Großteil der als besonders schützenswert (und traditionell als besonders naturnah) eingestuften Biotope (z.B. Sanddünen oder Bruchwald) das Ergebnis rigoroser Devastierung, Ausbeutung und Degradierung ehemaliger Naturlandschaften infolge menschlicher Übernutzung ist. Zum anderen demonstrieren Fauna und Flora gerade in der Kulturlandschaft einen ungebrochenen Opportunismus zur Besiedlung – auch ungewöhnlichster – anthropogener Standorte. Wo das heimische Artenpotential zur Bevölkerung von stillgelegten Bahn- und Industriegebieten, Panzerübungsplätzen, oder der Dachlandschaft über den Städten nicht ausreicht, nischen sich erfolgreich Neophyten4 ein (vgl. Jax 2003, Weinzierl 2004).

Ohne gleich für eine „neue Wildnis“ (womöglich rein anthropogener Ausgangslage und Artenzusammensetzung) zu schwärmen, muss dieses anpassungsfähige Besiedlungspotential in einer zukünftigen Naturschutz-Zielsetzung berücksichtigt werden. Denn bei aller prioritären Wertschätzung des Ursprünglichen bzw. über große Zeiträume Gealterten und Gewachsenen, wie es eben nicht mehr herstellbar ist, hat doch die raue Kritik, Naturschutz sei durch seine Orientierung an den Verlusten und dem einseitigen Bemühen, das natürliche und kulturelle Erbe zu bewahren, zu sehr auf die Vergangenheit fixiert (Ellenberg 1992, Konold 2004), eine grundsätzliche Berechtigung: Angesichts der vielseitigen Nutzungsansprüche in unserer Landschaft kann der Flächenbedarf für nutzungsfreie Naturreservate und pfleglich gestaltete Kulturbiotope niemals gedeckt werden. Bei einer Segregation von Schutz- und Nutzflächen kann der sehr bescheidene Flächenanteil für Vorranggebiete Naturschutz von rund 10 % den breiten Aufgabenbereich von Arten-, Biotop- und Prozessschutz – inklusive „Wildnis“ – nicht erfüllen. Deshalb muss Naturschutz auf einem Mindest-Anspruchsniveau in die Nutzlandschaft integriert werden, mit dem Fernziel eines Naturschutz` auf ganzer Fläche (z.B. Plachter und Reich 1994). Es wird eine der größten Herausforderungen für die nächsten Jahre sein, völlig neue Formen der Landbewirtschaftung zu entwickeln, die dem hohen Anspruch einer umfassenden Nachhaltigkeit entsprechen (ökonomisch, ökologisch, sozial). Auch der Siedlungsbereich, einschließlich der Landschafts-bestimmenden Industrie und Verkehrsflächen, muss als Lebensraum für die Pflanzen- und Tierwelt gestaltet werden (Ganzert 2000). Tatsächlich fehlt für den weitaus überwiegenden Teil unserer Landschaft ein Naturschutzkonzept, das – Zukunfts- und Gewinn orientiert – ein völlig neues Miteinander von Mensch und Natur ermöglichen würde (Weber 1995, Dierßen und Wöhler 1997, Konold 2004). Freilich würden dabei ganz andere Werte-Kriterien maßgeblich sein als Ursprünglichkeit, Naturnähe und Unberührtheit, und damit die Vielfalt an Zielen und Wegen im Naturschutz deutlich erhöhen.

Was also wollen wir schützen?

1. Das Naturerbe Mitteleuropas

Vergangenheitsorientiert; Hauptkriterien: Naturnähe, Ursprünglichkeit:

  • flächenhafte Refugien der Urlandschaft: z.B. Hochmoore, Flussauen, Naturwälder, Alpinzone, Gletscher;

  • kleinräumige Reliktstandorte einer natürlichen Entwicklung: z.B. Quellen, Altarme, weitgehend intakte Stillgewässer samt Ufersäumen, naturnahe Bergbäche, Naturwaldzellen, Felsbildungen;

  • Arten und Strukturen, die der Naturausstattung und dem Entwicklungspotential der primären Lebensraum-Typen entsprechen, sowohl in Reservaten als auch in einer naturnah oder naturgemäß bewirtschafteten Nutzlandschaft: z. B. Totholz und xylobionte Organismen (Pilze, Würmer, Insekten), Uraltbäume (mit Bruchstellen und Höhlungen), Schmelzwasser- und Überschwemmungstümpel (Urzeitkrebse, Libellen, Amphibien), anmoorige Feuchtwiesen (mit Kreuzotter, Birkhuhn);

  • Entwicklung „sekundärer Wildnis“: z.B. Wiederbewaldung durch autogene Sukzession, Nutzungseinstellung in naturnahen Wäldern und auf Hochalmen, Verlandung von Gräben und Weihern; Akzeptanz von Verklausung von Bächen (z.B. durch Totholz) und Ufererosion;

  • Abbau anthropogener Strukturen, Nutzungen und Einflüsse zur (weitgehenden) Wiederbelebung ursprünglicher (natürlicher) Entwicklungs-Dynamik und Mutualismen: z.B. durch „Renaturierung“ drainierter Moore, begradigter Fließgewässer und abgedämmter Auen, Entfernen gebietsfremder Baumarten bzw. Förderung der gebietstypischen Baumartenzusammensetzung; Wiederansiedlung Landschafts-gestaltender Wildtiere (keystone species,5 umbrella species6) in Entwicklungs-Nationalparken.

2. Das Kulturerbe Mitteleuropas

Vergangenheitsorientiert; Hauptkriterien: Ästhetik, „Harmonie“, Vielfalt:

  • Kulturlandschaften und Landschaftsteile von besonderer Ästhetik;

  • Essentielle Gebiete für seltene oder gefährdete Arten und lokale Ökotypen in der Überlappungszone von Natur- und Kulturlandschaft: z.B. Feucht- und Magerwiesen-Viehweiden-Ackerfluren-Komplex für Großtrappe; Moor-Wiesen-Hecken-Komplex für Birkhuhn; Trockenmauern für Reptilien, Schmelzwassertümpel für Amphibien, Sandgruben für Uferschwalben und Bienenfresser;

  • Artenreiche Lebensgemeinschaften, die durch historisch (traditionelle) Nutzung geformt wurden: z.B. verwilderte Fisch- und Mühlweiher, Niedermoor- und Streuwiesen, Trockenrasen, Hecken, Streuobstwiesen, Niederwald, Weidewald, Almen;

  • Zeugen aus der Siedlungs- und Nutzungsgeschichte, inklusive adaptierter Zuchtformen bzw. Lokalrassen bei Nutzpflanzen, Obst und Nutztieren: (z.B. Acker-Begleitflora, Kopfbäume, Weingarten-Mauern, verwilderte Torfstiche, Ziegelteiche, Kiesgruben, Steinbrüche).

3. Eine funktionsfähige und produktive Nutzlandschaft, als Lebensgrundlage für Mensch und Mitwelt

Zukunftsorientiert; Hauptkriterien: Nachhaltigkeit, Artenvielfalt, Biotopverbund:

  • Naturschonende Nutzung von Boden, Wasser, Luft: (z.B. naturgemäße Waldwirtschaft, Biologische Landwirtschaft, Bio-Gärtnerei unter Verwertung von Biomasse und Naturdünger im Sinne einer Kreislauf-Wirtschaft);

  • Entwicklung neuer Formen landwirtschaftlicher Nutzung mit Naturschutz-Relevanz: z.B. Extensivierung von Grünland, regelmäßiger Fruchtwechsel inklusive Brache, Entwicklung halb-offener Weidelandschaften (z. B. durch Einsatz von primitiven Haustieren und/oder heimischen Wildtieren);

  • Entwicklung neuer Formen der Flächennutzung mit Naturschutz-Relevanz: z.B. Schilfkläranlagen, Entgiftungsanlagen für Altlasten (bakterieller Abbau von Schadstoffen), Kompostieranlagen, Recyclinganlagen für Baustoffe, Hochwasser-Rückhaltebereiche;

  • Integration Landschafts-prägender, naturnaher Strukturen mit Habitat- und Trittsteinfunktion: z.B. Kleingewässer, Feuchtmulden, Gräben, bachbegleitende Gehölze, Altholz-Inseln, Feldgehölze, Heckenzeilen, Felsköpfe;

  • Integration Lebensraum bereichernder, anthropogener Strukturen mit Habitat- und Trittsteinfunktion: z.B. Feldkapellen, Erdkeller; Raine, Acker-Terrassen, Hecken, Hohlwege;

  • Integration von „Wildnis-Ecken“ mit Habitat- und Trittsteinfunktion: z.B. Brache und Gebüsch, altes Gemäuer und überwucherte Bahndämme, verwilderte Wege und Böschungen, aufgelassene Obst- und Weingärten, Ton- und Kiesgruben, Kellergewölbe und Stollen.

4. Eine humane Umwelt, als Lebensraum für Mensch und Mitwelt

Zukunftsorientiert; Hauptkriterien: Lebens- und Erlebnisqualität, Ästhetik, Vielfalt:

  • Entwicklung von Leitbildern für lebenswerte Siedlungsräume: z.B. städtische Grünanlagen, Erhaltung und Förderung Landschafts-prägender Haus- und Dorfbäume, Alleen, Parks, Hausgärten, Fassaden- und Dachbegrünung;

  • Integration von Lebensmöglichkeiten für Wildpflanzen und Wildtiere in Dorf und Stadt: z.B. Fledermauskeller, Bruthöhlen für Mauersegler und Eulen; Kleingärten für Insekten, Amphibien und Kleinsäuger; Schuttplätze für Pflanzen und Insekten der Magerstandorte; Kleingewässer für Libellen und Amphibien; alte Baumbestände in Friedhöfen für xylobionte7 Insekten, Höhlenbrüter unter den Vögeln;

  • Integration von „Wildnis-Ecken“ zur Entfaltung von Sonderhabitaten: z.B. Akzeptanz von Brache in Grünanlagen, von Totholz und anbrüchigen Uraltbäumen in Parkanlagen und Friedhöfen; Akzeptanz von Spontanbewuchs in Hinterhöfen und auf Bahndämmen; Öffnung und Renaturierung verbauter und verrohrter Bäche;

  • Förderung und Entwicklung von Erholungsräumen in und an Siedlungen mit Anreizen zu Naturbeobachtung und -erlebnis: z.B. Begegnung mit Blumen, Bäumen, Wildtieren; Erfahrung naturgegebener Dynamik an Wasser, verrottendem Totholz und von sukkzessiver Selbstorganisation in den „Wildnis-Ecken“;

  • Entwicklung „neuer Wildnis“ in künstlicher Landschaft unter Verknüpfung von Erholungs- und Erlebnisraum mit der Prozessschutz-Idee, zur Biotopsicherung einer artenreichen Flora und Fauna: z.B. Abraumhalden, Ziegelteiche, Weiherbildung in Gebieten mit Bodensenkung, aufgelassene Kohlentagebaue sowie Bahn- und Industrieanlagen.

Motive und Kriterien für zeitgemäßen Naturschutz

Ästhetik

Schönheit und Ergriffenheit sind traditionell der wichtigste Gesichtspunkt für Natur- und Landschaftsschutz und von großer emotionaler Wirksamkeit. Das Motiv der Ästhetik ist wesentlicher Motor für persönliches Engagement, aber gleichzeitig sehr problembehaftet, da von individuellen Weltbildern geprägt und grundsätzlich nicht objektivierbar.

Es ist zweifellos ein besonderes Privileg des Menschen, die Schönheit von Landschaft, die Buntheit und Vielgestaltigkeit der Blumen, Fliederduft und Vogelgesang mit begeistertem Staunen, tiefer Ehrfurcht und auch Betroffenheit als hochgradig positiv zu empfinden, ja zu genießen – mit deutlicher Rückwirkung auf Lebensfreude und Wohlbefinden. Die Unterscheidung von schön oder hässlich wird stark beeinflusst durch Heimatprägung (inklusive gewohntem Umfeld und Erziehung), bestimmte Schlüsselerlebnisse (z.B. erste Kanufahrt, Klettertour), vermutlich auch durch ein angeborenes Suchbild nach dem geeigneten Humanbiotop (bzw. vom Ursprungsgebiet in der afrikanischen Baumsavanne; „Savannen-Theorie“, bei Eibl-Eibesfeld 1993, Schröder 1999, Spanier 2001). Ob Naturnutzung oder Naturschutz, jeglichem Management, das das Grundbedürfnis des Menschen nach Schönheit außer Acht lässt, wird eine allgemeine Akzeptanz versagt bleiben (Hauskeller 1995).

Entgegen einer weit verbreiteten Erwartung, dass die Ästhetik von Naturphänomenen jedenfalls Eigenschaften wie natürlich, gesund, vital, stabil etc. indiziere, gilt der Konsens unserer Bewertung von schön viel eher für „lachende Fluren statt düsterer Wälder“ (Hazzi, in Arbeitskreis forstl. Landespflege 1991), obwohl erstere anthropogen und letztere natürlich sind. Darüber hinaus schätzen wir nicht nur die naturferne Kultursteppe, künstliche Parkanlagen und Gärten mit gebietsfremden Pflanzen und exotischen Tieren, sondern sogar naturfremde Züchtungen von Ziersträuchern mit sterilen Blüten bis zu lebensuntüchtigen Haustieren. Umgekehrt kostet es der Bildungsarbeit in Nationalparken und Wildnisgebieten große Mühe, die Ästhetik unverfälschter Natur zu vermitteln, und die Augen auf die ungewohnte Schönheit von in Jahrzehnten überwucherten Baumleichen, auf eine vom Hochwasser aufgerissene Uferböschung oder auf die filigrane Pionierbesiedlung auf dem Lawinenschutt zu lenken.

Naturnähe

Vom Menschen nicht oder nicht nachhaltig veränderte Natur wird traditionell im Naturschutz hoch bewertet, da sie meist mit ursprünglich, uralt, ungezähmt bzw. aus sich heraus entstanden gleichgesetzt wird (z.B. Fischer 2004). Allerdings lässt sich das stark emotionsbeladene Kriterium nur sehr vage definieren, da die Einschätzung von Naturnähe unmittelbar von der persönlichen Auffassung von Natur bzw. der Stellung des Menschen in dieser Natur zusammenhängt. Während es für Kreationisten keinen Zweifel gibt, dass der Schöpfungsplan die Natur als nützliche Ressource für den Menschen – als Krone der Schöpfung – zur Verfügung stellt, und daher alle außermenschlichen Phänomene zur Natur zählen (Vogt 2001), tun sich Anhänger der Evolutionstheorie mit der Differenzierung von natürlich und anthropogen viel schwerer: Denn zweifelsfrei entstammt die Gattung Homo dem Tierreich, weshalb sich sowohl anatomische und physiologische wie sensorische Merkmale aus der Abstammungsgeschichte ableiten lassen, wozu neben den Sinnesorganen, mit denen wir die Welt erkunden, auch die Grundlagen menschlichen Verhaltens zählen. Demnach könnte das menschliche Bestreben zur Optimierung von Ressourcennutzung und Reproduktion im Grundsatz dem der höheren Tiere gleichen, und eine Abtrennung anthropogener Entwicklungen spiegelte nur die Selbstüberschätzung des Menschen wider. Doch ebenso zweifelsfrei unterscheiden sich menschliche von tierischen Primaten durch die geistige Fähigkeit, beobachtete Zusammenhänge in die Zukunft zu projizieren und vorausschauend zu planen. Markl (1986) sieht hierin eine wesentliche Trennlinie zwischen der Naturhaftigkeit des menschlichen Körpers und der darauf aufbauenden geistigen Fähigkeiten, die ihn – im Gegensatz zu Sturm oder Feuer, Giftpilz oder Krokodil – für sein Handeln verantwortlich machen.

Die Naturschutzpraxis hat andere Schwellenwerte für den Übergang vom „primitiven“ Menschen als Teil der Natur und dem Homo faber als global player gesetzt:

  • die neolithische Revolution mit Beginn von Ackerbau und Viehzucht;

  • die Entdeckung Amerikas mit dem Vordringen des Europäers in die Neue Welt, deren Landschaften trotz der dort lebenden Indianer als nicht-anthropogen taxiert wurden;

  • die industrielle Revolution mit Ablösung muskelbetriebener Geräte durch leistungsfähigere Großmaschinen, unter zunehmender Ausnutzung fossiler Brennstoffe und der Elektrizität;

  • als Zeitmarke ließe sich die anthropogene Belastung der Umwelt mit chemischen Stoffen und Abfällen im 20. Jhdt hinzufügen, wodurch der ökologische Fußabdruck heute über den Globus hinaus ins Weltall reicht („Anthropozän“).

Überdies muss der Ökologe herausstreichen, dass das Kriterium der Naturnähe nur für den Zivilisationsmenschen bzw. Städter attraktiv ist. Weder „Naturvölker“ noch Wildtiere differenzieren nach naturgegeben oder menschengemacht, denn opportunistisch nutzen sie jedes passende Angebot (Westhoff 1996, Rathgeber 2001). Tatsächlich gäbe es keine Besiedlung unserer Nutz- und Kulturlandschaft sowie Ortsbereiche durch Pilze, Pflanzen und Tiere, würden sich die heimischen Organismen auf ursprüngliche, natürliche oder naturnahe Lebensräume beschränken. Darüber hinaus ist zu akzeptieren, dass alle belebten wie unbelebten Teile der Natur stets nur im Rahmen ihrer Naturausstattung agieren und reagieren können. Demzufolge muss jede Aktion und Reaktion natürlicher Systeme als natürlich eingestuft werden, unabhängig ob die Rahmenbedingungen ursprünglich, naturnah, naturfern oder naturfremd sind. Im Umkehrschluss können deshalb nur Ausgangslage, Steuerkriterium oder Störung anthropogen sein, nicht aber die sich daraus autogen entfaltenden Lebensgemeinschaften.

Nicht zuletzt liegt das Dilemma im Naturbegriff selbst, da er bei allumfassendem Inhalt und fehlendem Umfang grundsätzlich nicht definiert werden kann (z.B. Vogt 2001). Folgerichtig haben die gänzlich konträren Aussagen optimistischer und pessimistischer Einschätzung „Alles ist Natur“ oder „Nichts ist Natur“ gleichwertige Gültigkeit (Westhoff 1996, Rathgeber 2001).

In der Naturschutzpraxis findet das Kriterium der Naturnähe ein besonderes Gewicht bei allen Lebensgemeinschaften, die den primären Habitat-Typen Mitteleuropas entsprechen oder zumindest analog zu setzen sind (z.B. Hochmoore, Urwälder, Flußauen, Hochgebirge). Da es für die Sicherung der heimischen Artenvielfalt wichtig ist, Strukturelemente oder Prozesse aus der Naturlandschaft auch in die Landnutzung zu integrieren, ist ein Vergleich von Primär- und Sekundärausstattung zur Feststellung des Naturnähegrades gleichwohl zweckmäßig. In besonderem Maße gilt das für Wald- und Weidewirtschaft (Scherzinger 1996, 2005). Für Nationalparke definiert die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN 1994) als Entwicklungsziel sogar „so natürlich wie möglich“. Riskant erscheint im Zusammenhang mit Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Naturnähe die naive Erwartung mancher Naturfreunde, die „Wildnis“ entwickle eine vollendete Harmonie und umsorge den Menschen mit besonderen Heilkräften (z.B. Dierßen und Wöhler 1997, Heiland 2001). Als geradezu fatal erscheinen die verharmlosenden Thesen eines Öko-Optimismus, man solle die Problemlösung im Natur- und Umweltschutz am besten der Natur selbst überlassen, deren Strategien allemal wirksamer seien als menschliches Herumkurieren (Maxeiner und Miersch 1996), denn die „Selbstheilung“ könnte unter Ausschluss der Menschheit erfolgen.

Ohne Tradition fasst in Mitteleuropa eine neue Sehnsucht nach Wildnis Fuß, die im Falle primärer Standorte und Artenausstattung tatsächlich ein Höchstmaß an Naturnähe verkörpert, im Fall der „neuen Wildnis“ aber auf dieses Kriterium verzichtet. Die Verwirrung wird im Beispiel der Einstufung gebietsfremder Neobiota noch erhöht, da sie im ersten Fall bekämpft, im zweiten integriert werden (Reidl 2000).

Vielfalt

Auf allen Bezugsebenen löst Vielfalt – ähnlich wie Ästhetik – Staunen, Bewunderung oder Begeisterung aus. Entsprechend hoch werden Vielfalt, Mannigfaltigkeit, Diversität oder Reichtum im Naturschutz bewertet: sei es die Mosaikverteilung unterschiedlicher Landschaftseinheiten, der Strukturreichtum eines Waldgefüges oder die Buntheit einer Blumenwiese. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil ist Vielfalt kein Indiz für Konstanz und Naturnähe von Systemen, vielmehr ist sie eine Funktion bestimmter Störungsmuster, die eine patchiness8 unterschiedlichster Standortbedingungen bzw. Sukzessionsstadien bewirken (Picket und White 1985, Jax 1998/99, Poethke 1997, Scherzinger 1991, 2005). Zur Stützung und/oder Hebung der Arten- und Strukturvielfalt setzen sowohl Landschaftspflege als auch Bewirtschaftungskonzepte bestimmte Eingriffe, die die gewünschten Stadien immer wieder herstellen können (z.B. Wiesenmahd, Feuer-Management, Plenterung), während jede Änderung im Management bzw. die Einstellung von Pflege oder Nutzung zur sukzessiven Veränderung der Lebensgemeinschaften führen (Plachter und Reich 1994, Westhoff 1996).

Die Schutzwürdigkeit von Gebieten wird traditionell an der Artenvielfalt gemessen. Zum einen, weil man hofft, mit Konzentrations-Punkten der Artendiversität gleichzeitig die wichtigsten Überlebensräume zu erfassen (vgl. Welt-Strategie des WWF), zum anderen auf Grund der Erwartung, dass besonders artenreiche Gebiete gleichzeitig besonders „stabil“ (d. h. langfristig konstant und krisenfest) seien. Obwohl wissenschaftlich umstritten, gilt die These „Stabilität durch Vielfalt“ als zentrales Argument im heutigen Naturschutz (Jax 2003).

Als Bewertungskriterium ist Artenvielfalt dann problematisch, wenn sie Artenzahlen rein numerisch erfasst, und dabei Allerweltsarten und Raritäten, Elefanten und Spitzmäuse, Gräser und Insekten – auch Schädlinge, Lästlinge und Neobiota – als gleichwertig behandelt. Gebietsspezifische Artenlisten werden deshalb in der Regel nach Kriterien wie Seltenheit, Gefährdung, lokaler Bedeutung und Gesamtverbreitung spezifiziert; auch gibt es Versuche, den Einzelarten bestimmte Wertzahlen zuzuordnen (z.B. Bezzel 1980).

Zu den klassischen Naturschutzaufgaben zählt die Bestandssicherung seltener, bedrohter bzw. gesellschaftlich relevanter Arten. Die Verpflichtung zum Artenschutz ist fester Bestandteil heutiger Gesetzgebung, für die in erster Linie der Gefährdungsgrad ausschlaggebend ist. Dieser kann mit lokalem, überregionalem und globalem Bezug aus den Roten Listen abgelesen werden, und wirkt sich massiv auf Sammeln und Jagd, Handel und Aneignung sowie auf das Habitatmanagement aus. In Überwindung des linearen Einzelarten-Schutzes, der auch nicht vor Bekämpfung potentieller Konkurrenten, vor Krankheitsprävention, der Fütterung und der Gestaltung künstlicher Habitatstrukturen zurückschreckte (z.B. veralteter Vogelschutz), legt zeitgemäßer Artenschutz Wert auf den Plural, da er auf die Sicherung bestimmter Arten innerhalb deren angestammter Nische bzw. Lebensgemeinschaft abzielt. Zu den stärksten Aspekten für den Artenschutz zählen Ästhetik (z.B. Formen und Farben), Schamanismus/Religion (z.B. Skarabäus und heilige Kühe), Identifikation (z.B. Totem und nationale Emblemarten), Glücksbringer (z.B. Schwalben und Schildkröten) und nicht zuletzt die Nützlichkeit von Steinen, Pflanzen und Tieren.

Der Schutz der Biodiversität ist zwar aus dem Artenschutz hervorgegangen, umgreift aber sehr viel breiter alle belebten Systeme, von der landschaftlichen Vielfalt bis zu genetischen Strukturen. Dabei differenziert er nicht nach den oben genannten Kriterien, selektiert vor allem nicht nach schön oder hässlich und nützlich oder schädlich, weshalb – theoretisch – auch Krankheitserreger, Ernteschädlinge und „lästige“ Arten den selben Schutz erfahren (Remmert 1990, Plachter und Reich 1994). Der überwiegende Teil der Staaten der Erde hat sich zum Schutz der Biodiversität im Rahmen der 1992 in Rio beschlossenen UN-Konvention verpflichtet.9 Mit dem Aufbau des länderübergreifenden Schutzgebiets-Netzwerks Natura 2000 erhält der Schutz der belebten Natur eine völlig neue Dimension in der Europäischen Gemeinschaft.10

In der Naturschutz-Praxis ergibt sich eine Reihe offener Fragen, da ja real alle Individuen höherer Organismen in ihrer genetischen Ausstattung einzigartig bzw. voneinander verschieden sind; wie lassen sich da praktikable Grenzen innerhalb der Biodiversität finden? In der Praxis wird Artendiversität meist mit Artenzahl gleichgesetzt, unter Wegfall der qualitativen Gewichtung der Einzelarten hinsichtlich ihrer Naturschutz-Relevanz. Ohne Zuordnung von Qualitätskriterien werden aber Arten austauschbar, und Ubiquisten11 könnten an die Stelle hoch bedrohter Spezialisten treten, rein zahlenmäßige Konstanz suggerierend. Auch könnte sich die positive Bewertung hoher Artenzahlen negativ auf alle Anstrengungen zur Bewahrung der Naturnähe und Identität von Lebensräumen auswirken, die von Natur aus besonders artenarm sind, wie im Fall von oligotrophen (=nährstoffarmen) Gewässern, Hochmooren, Trockenhängen, Schuttkegeln und Sanddünen, denn in solchen Biotopen wäre ein Anstieg der Diversität ein klares Indiz für naturferne Störungen.

Eine Maximierung der Biodiversität – inklusive der Artenzahl – ist jedenfalls in der Nutz-, Kultur- und Siedlungslandschaft wünschenswert, soweit es für diese ohnehin keine natürlichen Vorbilder gibt, und damit auch die meisten Selektionskriterien wegfallen können. Als erfolgreich hat sich diesbezüglich ein habitat enrichment erwiesen wie z.B. die Anlage von Tümpeln, Deponie von Alt- und Abfallholz oder die Schichtung von Abbruchsteinen (Arbeitskreis forstliche Landespflege 1984, Westhoff 1996). Dieses Ziel impliziert aber nicht die Begründung einer Ersatzfauna, wie z.B. der Ansiedlung halbdomestizierten Geflügels oder verwilderter Hausschweine, um den Verlust an Jagdwild zu kompensieren, wie etwa von Jägerkreisen bereits propagiert.

Identität

Die Unverwechselbarkeit von Landschaften und Siedlungsstruktur (einschließlich der Gestaltung des Wohnumfeldes mit Hausformen, Dorfbäumen, Alleen etc.) ist ein wesentlicher Aspekt der persönlichen Identifikation mit dem Wohnort bzw. der Heimat. Sie ist Ausgangspunkt von Landschaftsschutz und umfasst – als ältestes Motiv für Naturschutz (Haber 2001) – auch Dialekt, Brauchtum, Trachten sowie charakteristische Haustierrassen und Landprodukte. Obwohl weit ins 19. Jahrhundert zurückreichend, blieb dem Heimatschutz der Makel einer „Nazi-Ideologie“ anhaften, und dieser in Naturschutzkreisen über Jahrzehnte entsprechend verpönt (Falter 2004, Fischer 2004). Erst der Verlust dörflicher Strukturen durch zunehmende Verstädterung (von der Architektur bis zur Gartengestaltung) sowie die Bedrohung durch die globale Nivellierung landwirtschaftlicher Strukturen (inklusive Nutzpflanzen und Produkte) haben der Bewahrung landschaftlicher Identität ihre hohe Bedeutung wieder gegeben (Kutzenberger und Wrbka 1995, Reidl 2000, Falter 2001). Da das Lebensraumpotential für die heimische Flora und Fauna in direkter Abhängigkeit zur Landschaftstextur der Kulturlandschaft steht, trifft jede Änderung von Landnutzung und Siedlungsbau speziell die Kulturfolger: Dorfschwalbe, Schleiereule, Turmdohle, Weißstorch, Wiedehopf, Feldlerche und Gartenrotschwanz, etc., doch auch sie sind Indikatoren örtlicher Identität.

Moderne Naturschutzgesetze nennen die Bewahrung der Eigenart von Natur und Landschaft als erhebliches Teilziel. Im selben Sinne setzt der Tourismus heute deren über Generationen gefestigten Charakter als Alleinstellungs-Merkmal von Regionen werbewirksam ein.

Was aber müssen wir schützen?

Da Naturschutz in erster Linie emotional motiviert ist, öffnet sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was wir schützen wollen (von unberührter Wildnis bis vielfältiger Kulturlandschaft und schönen Schmetterlingen) und dem, was wir schützen müssen, um unsere natürlichen Lebensgrundlagen in erforderlicher Qualität zu erhalten. Der Prämisse folgend, dass sich unsere Schutzbemühungen auf die wesentlichen Funktionsträger im Naturgeschehen konzentrieren müssten, denen wir die nachhaltige Nutzbarkeit von Boden, Wasser und Luft verdanken, gibt es tatsächlich strikt reduktionistische Forschungsvorhaben zur Ermittlung einer organismischen Mindestausstattung (Plachter und Reich 1994, Jax 2003). Dabei verlieren Kriterien wie Ästhetik, Naturnähe oder Identität jede Bedeutung, denn weder die globale Biodiversität noch Pandabär oder Spinnenragwurz zählen zum basalen Schutzgegenstand, vielmehr gilt einzig ein anthropozentrisch-utilitaristischer Ansatz: Im Zentrum stehen Bodenorganismen zur Restitution der Fruchtbarkeit der Felder, Meeresalgen zur Sauerstoffproduktion, Nutz- und Medizinalpflanzen als essentielle Ressourcen, Fische, Wild- und Nutztiere als Eiweißlieferanten sowie „Nützlinge“ aus der Fauna und Flora zur Bekämpfung von „Schädlingen“.

Dieser anthropozentrische Ansatz dominiert auch modernste Gesetze, die Naturschutz in erster Linie als Menschenschutz verstehen, wobei zur Bewahrung und Entwicklung der Lebensgrundlagen so wie der Produktivität natürlicher Systeme noch die Erholungsfunktion von Natur und Landschaft als weitere Landnutzung hinzukommt. Folgerichtig hat sich die Argumentation im Naturschutz ganz auf den Nutzen konzentriert, mit deutlichem Einfluss auf die Umweltpädagogik, die nicht müde wird hochzurechnen, wie viele tausend „Schädlinge“ von den „nützlichen“ Ameisen, Singvögeln und Eulen vertilgt werden, dass der Luchs für die Selektion kranker Rehe wichtig und Regenwürmer oder Mistkäfer zur Humusbildung unverzichtbar sind. Wenn die Notwendigkeit zur Sicherung der humanen Lebensgrundlagen durch einen anthropozentrischen Schutz der Natur für die Allgemeinheit auch mindestens so einleuchtend ist wie die analoge Aufgabe des technischen Umweltschutzes, noch dazu Ziele und Schwellenwerte für die Erhaltung der Leistungsfähigkeit der Natur aus diesem Blickwinkel besser zu objektivieren sind, so geht die rein utilitaristische Rechtfertigung für den Naturschutz an den verbreiteten Motiven für Naturschutz doch zur Gänze vorbei (z.B. Bierhals 2005).

Unter – oft gar nicht reflektierter – Selbstverleugnung suchen Naturschützer argumentative Unterstützung in Humanbiologie, Psychologie und Religion: Bilden denn die Erfahrung natürlicher Schönheit, die Begegnung einer belebten Mitwelt, die Auseinandersetzung des Einzelnen mit seinen biologischen Wurzeln, in Ehrfurcht vor der unendlich langen Entwicklungsreihe des Lebens, der er letztlich seine Existenz, seine Fähigkeiten und vermutlich auch seine Freude an der Schönheit der Natur verdankt, nicht ebenso eine existentielle Lebensgrundlage, und damit ein Motiv zum Schutz der Natur, zur Bewahrung der Schöpfung, zur Schonung von Gaia und ihren Kindern (Trommer 1999)?

An die Schnittstelle zwischen utilitaristischer und ethischer Begründung für Bewahrung und Entwicklung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts wurde in den letzten Jahren das Prinzip Nachhaltigkeit gesetzt, das auch den Folgegenerationen zumindest gleichwertige Lebensmöglichkeiten sichern soll. Ursprünglich eine Maxime forstlicher Holzproduktion, die dem Wald nicht mehr entnehmen sollte als im selben Zeitraum auch wieder nachwächst, gilt dieser Langzeitaspekt heute – unter dem Schlagwort sustainablity als weltweiter Appell. Zunächst ausschließlich ökonomisch orientiert und ohne jegliche Rücksichtnahme auf Naturhaushalt oder Biodiversität, jedenfalls ohne jeden Bezug zu Naturschonung oder Naturschutz (Haber 1993, 2001, Grober 2002), wurde mit der Biodiversitäts-Konvention von Rio 1992 der Begriff der Nachhaltigkeit als ethisches Grundprinzip zukunftsorientierter Landnutzung formuliert, und auf die drei Zielrichtungen ökonomisch – ökologisch – sozial ausgeweitet. Ökologische Nachhaltigkeit umfasst jedenfalls die Langzeitsicherung der Lebensgemeinschaften in ihrer naturgegebenen Artenausstattung, und hat somit hohe Naturschutz-Relevanz (Hintermann 1995, Uppenbrink 2000).

Entgegen einem verbreiteten Missverständnis liefert die Natur selbst kein Vorbild für nachhaltiges Wirtschaften, denn Natur kennt weder ein Produktionsziel noch stabile Entwicklungskontinuität, vielmehr fordert sie die Organismen durch nicht vorhersehbare Fluktuationen und Katastrophen zu immer neuen Anpassungsleistungen heraus. Die Entwicklung zur Nachhaltigkeit ist somit eine rein kulturelle Leistung und verfolgt ein ethisch hoch stehendes Ziel. Dieser globale Imperativ zur Stabilisierung der Naturausstattung und ihrer Funktionen wird jedoch regelmäßig als „nachhaltige Entwicklung“ oder gar „nachhaltiges Wachstum“ missverstanden, was der Zielrichtung geradezu konterkariert. Allerdings widerspricht eine umfassende Nachhaltigkeit auch der Natur der Natur, weshalb für Wildnisgebiete oder naturbelassene Evolutionsräume andere Grundsätze gelten müssen, da die Prozessschutz-Idee mit dem statischen Nachhaltigkeits-Ideal nicht kompatibel sein kann.

Naturschutz zum Schutz der Natur ?

Aus Ehrfurcht vor der Schöpfung verpflichtet uns die christliche Ethik, Verantwortung für die Mitgeschöpfe zu tragen. Auch lässt sich ein religiöser Auftrag zum „Bewahren und Bebauen“ aus der Interpretation der alttestamentarischen Genesis ableiten (Heiland 2001, Vogt 2001, Siep 2004), wobei das Naturmanagement in einem Wüstenland mit der Landnutzung im grünen Europa nicht unmittelbar gleich gesetzt werden kann. Diese Vorsorge gilt in jedem Fall einem anthropozentrisch-utilitaristischen Menschenschutz. Für das christlich geprägte Abendland ist die zentrale Position des Menschen und die ihm dienende Funktion der Natur eine gottgewollte Selbstverständlichkeit, weshalb die Frage, ob Schönheit, Wildheit, Artenreichtum und Formenmannigfaltigkeit der Natur auch dann schützenswert sind, wenn sie keine erkennbare Rolle für das menschliche Leben spielen, bislang keine große Bedeutung hatte (Erbrich 1989). Ja aus soziologischer Sicht kommt vielmehr schärfste Kritik an einem Schutz der Natur um ihrer selbst willen, der im Extremfall sogar als antidemokratisch verurteilt wird, wenn er zur Einschränkung von Bewegungsfreiheit und Nutzungsmöglichkeiten der Bevölkerung führt (Körner et al. 2003). Ganz anders bei schamanistisch geprägten Naturvölkern und den Hochkulturen Asiens, für die ein holistischer Schutz der Naturphänomene einer Existenzsicherung gleichkommt (z.B. Westhoff 1996, Falter 2001).

Eine Festlegung von Naturschutz-Zielen, die über die Sicherung der humanen Lebensgrundlagen hinausgehen, kann sehr unterschiedlichen Motiven entspringen, aber weder aus Natur- noch aus Geisteswissenschaft objektiv abgeleitet werden, da sie ausschließlich auf dem jeweiligen Wertesystem einer Gesellschaft fußt (z.B. Sukopp und Trepl 1990, Plachter und Reich 1994, Jessel 1998). Und dieses ist hochvariabel und in dauerndem Fluss, vor allem abhängig von der ökonomischen Situation (z.B. Wohlstands- oder Hungergebiet), von der politischen Stabilität (z.B. Staatenbündnis oder Krisengebiet), von der unmittelbaren Betroffenheit (z.B. Akzeptanz von Großraubtieren bei Viehzüchtern oder von Katastrophen bei Urlaubern), von der lokalen Naturausstattung (z.B. Wald oder Karst) und ganz besonders vom naturkundlichen Bildungsniveau (z.B. Gastarbeiter oder Gymnasiast; Haber 2001). Diese Aspekte werden markant überlagert von der jeweiligen Weltanschauung, sowohl im religiösen, philosophischen wie naturwissenschaftlichen Sinn.

Umso bemerkenswerter, dass im Naturschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 2002 der „Eigenwert der Natur“ als wesentliche Neuerung aufgenommen wurde. Nach Weinzierl (2004) steht damit das Lebensrecht der Mitgeschöpfe auf gleichem Rang wie die Menschenrechte. Dieser große Schritt stützt sich auf den gesellschaftlichen Konsens, dass der Schutz von Natur – in ganzer Breite ihrer Phänomene – eine wesentliche Aufgabe menschlicher Kultur sei. Damit wird das Aufgabenfeld von Naturschutz erheblich über den anthropozentrischen Nützlichkeitsaspekt hinaus ausgeweitet, da es nicht nur der Mitwelt ein Recht auf Leben einräumt, sondern auch die Selbstdifferenzierung der Ökosysteme im Rahmen naturgegebener Dynamik als schützenswert anerkennt (Meyer-Abich 1989, Zwanzig 1994, Siep 2004).

In dieser Gesetzesformulierung finden unterschiedlichste Wertesysteme zu einem Gesamtkonzept (z.B. Bohn et al. 1989, Haber 2001, Spanier 2001), aus der Erkenntnis,

  • dass die evolutive Entwicklung von Leben auf dieser Erde einzigartig ist,

  • dass jeder einzelne Organismus das Resultat eines unglaublichen Entwicklungs-Kontinuums ist,

  • dass die „Weisheit“ der Natur einem ungeheuren Erkenntnisgewinn in ihrem Evolutionsverlauf entstammt,

  • dass „Natur“ einem hochkomplexen Wirkungsgefüge entspricht, in der eine unüberschaubare Artenfülle durch feinst abgestimmte Mutualismen zur Selbstregulation befähigt.

Diese Naturausstattung ist sehr viel älter als die Menschheit und ohne ihr Zutun entstanden. Gerade weil wir befähigt wären, in Jahrmillionen gewachsene Strukturen und Systeme zu stören oder gar zu zerstören, müssen wir für diese Verantwortung übernehmen.

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