Fakten zum Projekt
(Stand: November 2026)
Autoren:
Werner Gamerith & Erhard Kraus
Hier die aktuelle Version zu unserem Positionspapier Böller & Feuerwerke als PDF.
1. Ausgangslage:
Feuer und heftiger Lärm haben in vielen Kulturen eine lange Tradition. Ihre symbolische Bedeutung – Licht, Lärm und Feuer als Ausdruck festlicher Lebensfreude oder zur Vertreibung des Bösen – reicht weit zurück. Mit der industriellen Herstellung von Knall- und Feuerwerkskörpern und dem gestiegenen Wohlstand haben sich diese Bräuche jedoch grundlegend verändert.
Was früher seltene, stark begrenzte Ereignisse waren, ist heute ein inflationärer und kaum kontrollierter Einsatz von Pyrotechnik, insbesondere rund um den Jahreswechsel. Die AG Wildtiere sieht diese Entwicklung mit großer Sorge, da sie erhebliche negative Auswirkungen auf Wildtiere, Umwelt, Gesundheit und öffentliche Sicherheit hat.
2. Auswirkungen auf Wildtiere:
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Feuerwerke mit ihren dicht gedrängten Lichtblitzen und Explosionsgeräuschen für Wildtiere eine massive Störquelle darstellen. Moderne Forschungsmethoden – darunter Telemetrie, Nistkastenkameras, satellitengestützte Beobachtung und Wetterradar – zeigen eindeutig:
- Wildvögel reagieren auf Feuerwerke häufig mit panikartigen Fluchtreaktionen, die sich über mehrere Kilometer erstrecken können.
- Erst ab einer Distanz von etwa 1.500 Metern nimmt die Scheuchwirkung merklich ab.
- Besonders tagaktive Vogelarten sind bei nächtlichen Fluchten stark kollisionsgefährdet.
- In der kalten Jahreszeit führen Flucht und Stress oft zu kritischem Energieverlust, der tödlich enden kann.
- Auch Säugetiere werden aus wichtigen Wintereinständen verdrängt.
- Während der Brutzeit kommt es nicht selten zur Aufgabe von Gelegen.
- Eine einzige intensive Störnacht kann langanhaltende Verhaltensstörungen verursachen.
Besonders empfindlich reagieren Arten offener Landschaften und Feuchtgebiete sowie hohe Vogelkonzentrationen in Schutzgebieten.
3. Bedeutung für Arten- und Naturschutz
Der zunehmende Einsatz privater Pyrotechnik trägt zur weiteren Gefährdung von Arten und Populationen bei, deren Schutz völker- und unionsrechtlich verbindlich ist. Millionen Wildtiere werden unnötig Stress, Verletzungs- und Todesrisiken ausgesetzt.
Damit stehen private Feuerwerke im klaren Widerspruch zu nationalen und internationalen Naturschutzzielen.
4. Rechtlicher Rahmen
Die AG Wildtiere weist darauf hin, dass bereits jetzt ein klarer rechtlicher Rahmen besteht, der eine Einschränkung von Böllern und Feuerwerken rechtfertigt und teilweise sogar gebietet:
- Das Tierschutzgesetz verbietet ungerechtfertigte Leiden und Schäden an Tieren.
- Die Naturschutzgesetze der Bundesländer untersagen erhebliche Störungen wildlebender Tiere, insbesondere:
- während der Brut-, Aufzucht- und Überwinterungszeiten,
- in Schutzgebieten und sensiblen Lebensräumen.
Nach Rechtsprechung und Verwaltungspraxis gelten Störungen insbesondere dann als erheblich, wenn:
- panikartige Flucht ausgelöst wird,
- Ruhe-, Rast- oder Fortpflanzungsplätze verlassen werden,
- Energieverluste oder Populationsgefährdungen eintreten.
Feuerwerke erfüllen diese Tatbestände regelmäßig, vor allem in der Nähe von Gewässern, Natura-2000-Gebieten und Vogelschutzgebieten.
Zusätzlich verpflichtet die EU-Vogelschutzrichtlinie (2009/147/EG) Österreich, absichtliche Störungen von Vogelarten – insbesondere während sensibler Lebensphasen – zu vermeiden.
Einschränkungen privater Pyrotechnik sind verfassungsrechtlich zulässig und verhältnismäßig, da:
- hochrangige Schutzgüter betroffen sind,
- die schädlichen Wirkungen wissenschaftlich belegt sind,
- geeignete, mildere Alternativen zur Verfügung stehen.
5. Position der AG Wildtiere
Die AG Wildtiere kommt auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der geltenden Rechtslage zu dem Schluss, dass der derzeitige exzessive Gebrauch von privaten Feuerwerken und Knallerzeugern nicht länger vertretbar ist.
Der Schutz von Wildtieren, Biodiversität, Umwelt und öffentlicher Gesundheit erfordert eine deutliche Reduktion und stärkere Regulierung pyrotechnischer Aktivitäten.
6. Forderungen und Empfehlungen
Die AG Wildtiere fordert daher:
- eine weitgehende Einschränkung oder Untersagung privater Pyrotechnik,
- die Einrichtung feuerwerksfreier Zonen in Schutzgebieten und sensiblen Lebensräumen,
- strengere landes- und gemeinderechtliche Regelungen,
- die konsequente Berücksichtigung von Tier- und Naturschutz bei Genehmigungsverfahren,
- die Förderung lärmarmer und emissionsarmer Alternativen, etwa Licht- oder Drohnen-shows.
7. Schlussfolgerung
Die gesicherte wissenschaftliche Erkenntnislage sowie die bestehenden rechtlichen Verpflichtungen lassen keinen Zweifel: Gesetzgeber und Vollzugsbehörden sind gehalten, private Pyrotechnik restriktiver zu handhaben. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Traditionen darf nicht auf Kosten von Wildtieren, Umwelt und Recht gehen.
8. Literatur
Wascher, C.A.F., Arnold, W. & Kotrschal, K. (2022): Effects of severe anthropogenic disturbance on the heart rate and body temperature in free-living greylag geese (Anser anser).– Conservation Physiology 10 (1): 10 S.
Weirich, O., Gärtner, S. & Heuser, W. (2025): Auswirkungen von Feuerwerken auf Wildvögel. Literaturüberblick und Fallstudien in Wiesbaden. – Jb. Nass. Ver. Naturkde. 146, S. 179-196.
